Dolma & Luise, eine ungewöhnliche Freundschaft
von Monika Börner
Die erste Begegnung hätte unglücklicher nicht verlaufen können. Den Blick fest auf das fremde Wesen gerichtet, mit dem unbedingten Willen, diesem näher zu kommen, berührte die Hundenase das gespannte Seil und ein plötzlicher, heftiger Schmerz floss durch den gesamten Körper. Der sofortige Rückzug und der damit nachlassende Schmerz konnte die Verknüpfung nicht mehr verhindern: dieses Wesen tut weh!!! Aus sicherer Entfernung begann eine vorsichtige Beobachtung. Eigenartige Dinge wurden registriert: das Wesen frisst Gras, gibt blökende Laute von sich und stampft mit dem Vorderbein, den Kopf gesenkt sobald man näher kommt...
Es
dauerte mehrere Monate, bis sowohl der Hund als auch die Schafe einander genauer
in Augenschein zu nehmen wagten. Es wurden Lämmer geboren die schnell Vertrauen
zu den Menschen fassten. Futter gab es immer zusammen mit diesem großen ruhigen
Hund, der sich respektvoll zurückzog sobald die Entfernung zu klein wurde.
Nach ca. einem halben Jahr wagte sich die Hundenase wieder vor, langsam und behutsam. Statt Schmerz kam ihr eine kleine feuchte, nach Wolle duftende, Nase entgegen. Es waren Sekunden des Innehaltens, mit angehaltenem Atem und der Bereitschaft zu sofortigem Rückzug. Der Hund Dolma beschwichtigte mit Augenzwinkern und demonstrativ zur Seite gedrehtem Blick, das Schaf Luise, zufrieden mit der Bewegungslosigkeit, ging hoheitsvoll weiter.
Diese Frequenzen wiederholten sich in immer kürzeren Abständen und dehnten sich zeitlich immer mehr aus. Jetzt scheinen sich morgens beide regelrecht zu begrüßen, beschnuppern sich ausgiebig und stehen minutenlang Wange an Wange, völlig regungslos. Der Hund wird inmitten der Schafe geduldet. Er hat sie immer im Blick und ist sofort zur Stelle, wenn Unruhe in die kleine Herde kommt.
Die besondere Beziehung besteht zwischen Dolma und Luise, der Chefin der Gruppe. Vielleicht ist sie ein untypisches Schaf, auf jeden Fall ein ranghohes, neugieriges und durchaus angriffslustiges, man kann sagen: ein schlaues Schaf.
Eines Tages im Sommer änderte sich das Verhalten der beiden: Dolma
forderte Luise zum Spiel auf – nach typischer Hundeart natürlich. Ducken, kurzes
Vorspringen, Antäuschen, Wegrennen. Und das Schaf rannte weg, blieb stehen,
stampfte empört mit dem Vorderbein, senkte den Kopf und versuchte den Hund zu
rammen. Das glückliche Grinsen in Dolmas Gesicht reichte von einem Ohr zum
anderen, geschickt wich sie im letzten Moment aus, rannte eine Runde um das
Schaf herum und wartete auf den erneuten Angriff, welcher auch prompt kam.
Ich weiß, ich hätte sofort eingreifen müssen, um das Spiel zu unterbinden. Aber der Hund war so glücklich, und das Schaf schien nicht wirklich verängstigt, sondern eher erbost! Es dauerte auch nicht lange und Luise blieb einfach stehen um zu grasen, mochte der Hund doch springen und rennen wie er wollte. Da änderte Dolma ihre Taktik: sie begann die anderen Schafe zum Spiel aufzufordern, diese rannten aber ängstlich weg! Sofort griff Luise, die Chefin, ein und begann den Hund davon abzuhalten, die anderen zu jagen. Zufrieden spielte Dolma wieder mit Luise. Ließ das Schaf im Spiel jedoch nach, wurden die anderen gezielt benutzt, um die Chefin wieder auf den Plan zu rufen....das unterband ich dann schließlich doch. Es waren maximal zwei Wochen, und dieses Spiel hörte von alleine wieder auf.
Ist ein Hund zu Besuch, weicht Dolma ihm nicht von der Seite und verhindert, dass sich dieser den Schafen nähert, so als spüre sie deren Angst.
Einmal waren aber zwei fremde Hunde gleichzeitig auf dem Grundstück und damit für Dolma nicht in Schach zu halten. Das Schaf Siglinde – das ängstlichste – erlitt , vor allem im Gesicht, schwere Verletzungen und musste tierärztlich behandelt werden. Niemand konnte beobachten was genau geschah. Es besteht aber die Vermutung, dass Dolma dann doch hinzu kam und den Gast daran hinderte das Schaf zu töten. Seit dem - und das ist erstaunlich - darf Dolma auch Siglinde benäseln und beschnuppern wie vorher nie. Siglinde ist wieder wohlauf und zeigt kein verändertes Verhalten gegenüber fremden Hunden.
Dolma und Luise zeigen ihre Verbundenheit jeden Tag. Kaut der Hund an einem Knochen, darf sich das Schaf nähern, sogar daran schnuppern und lange in direkter Nähe stehen bleiben, ohne dass der Knochen verteidigt wird. Auch wird geduldet, dass der Futternapf gründlich inspiziert wird – kein anderer dürfte das!!!
Bringt
Dolma Luise nicht das gewünschte Interesse entgegen, wird der Hund solange mit
dem Vorderlauf angestoßen, bis die volle Aufmerksamkeit erreicht ist. Im
Großteil der Fälle sucht Luise den Kontakt, aber ebenso langsam, ruhig und
souverän wie unser buddhistischer Herden-schutzhund aus Tibet.
Ein neues Kapitel dieser Geschichte hat nun begonnen: es kam ein Bock! Welch Empörung Dolma zeigte, als ein fremdes Tier zu ihren Schafen durfte!!! Für uns ist der Umgang mit einem männlichen Schaf jedoch neu und so lasse ich beide nur behutsam zusammen. Dolma weicht ihm respektvoll aus (nachdem ich verhinderte, dass sie ihre Kräfte mit ihm misst – sicherheitshalber...) Wir sind sicher: in kürzester Zeit hat der Herr gelernt, dass Luise diesen Hund duldet und so wird auch er es tun. Sobald die nächsten Lämmer geboren sind, werden wir Dolma als Wache brauchen, denn wir wohnen im Wald und die Füchse nehmen z. Zt. stark zu. Es wird spannend sein zu sehen, ob Mama Luise den Kontakt zwischen dem Hund Dolma und ihrem Lamm zulassen wird.....
Das Interesse am Herdenschutzhund im Einsatz an den Herden wächst weltweit. Es gibt u. A. Programme in den USA, Kanada, Afrika, Österreich und der Schweiz. Die durchaus vorhandene Andersartigkeit der Herdenschutzhunde ist nur schwer zu beschreiben und natürlich sind die Grenzen zu anderen Hunden (z. B. Hovawart) fließend. Wie sehr ein Herdenschutzhund aber ein Grundstück und auch etwas Lebendiges darauf (!!!) zum Bewachen braucht, sehe ich täglich an unserer Do Khyi Hündin: ohne jegliche Anleitung lebt sie tief verankerte Verhaltensweisen aus. Dies begann schon im Welpenalter und sie entwickeln sich, auch ohne Kontakt zu älteren, erfahrenen „Herdenschutzhund-Lehrern“!!! Wir dürfen das Bedürfnis dieser Tiere nicht unterschätzen und sollten ernsthaft und selbstlos prüfen, ob ein Herdenschutzhund in unserer Lebenssituation richtig aufgehoben ist. Ich freue mich, dass diese Hunde in ihrem Arbeitsfeld wieder geschätzt und eingesetzt werden und hoffe, dass auf diesem Weg diese Rassen gesund und artgerecht erhalten werden.
